Presse Archiv

Interview mit Michael Schneider-Braune, Crago-Verlag

KELTENFÜRST ALS NAMENSGEBER

 
Michael Schneider-Braune

Im September 2004 feierte der Crago-Verlag sein zehnjähriges Jubiläum. Ohne Übertreibung darf man ihn einen festen Bestandteil der Kleinverlags- und der phantastischen Szene nennen. Die mannigfaltigen Publikationen — darunter Anthologien mit Kurzgeschichten, Comic-Hefte, Portfolios und Essays - sind nicht nur Insidern und dem lokalen Publikum bekannt.
Die Namen der Autoren und Künstler, deren Werke Du veröffentlichst, sind den Lesern vertraut. Der Herausgeber hingegen bleibt meistens im Hintergrund und ist für viele ein Name ohne Gesicht. Wer ist Michael Schneider-Braune?

In Kurzfassung: Geboren 1963 bei Heidelberg, beruflich die Republik durchwandert (Nürnberg, Bremen, Aschaffenburg, Kempten, Bad Säckingen, jetzt Taubertal) verheiratet, keine Kinder.
Berufliches: Werkzeugmacher, Zeitsoldat, Freier Journalist im Privatfunk, Redaktionsleiter Radio, Getränkehändler, derzeit Angestellter eines Getränkegroßhandels, daneben eigener kleiner Getränkehandel, Verlag.
Mit 15 bekam ich durch Zufall die Vereinszeitung des Sportvereins unter meine Fittiche, seither waren das Schreiben und vor allem die Aufbereitung des Geschriebenen stets präsent, teilweise sogar hauptberuflich. Ansonsten engagiere ich mich heute in diversen regionalen Vereinen (Altstadtverein, Museumsverein, Radfahrerverein, Motorradclub, Fremdenverkehrsverein), mische mich in die Kommunalpolitik ein, interessiere mich für Comics und SF. Besonders hat es mir der 2CV („Ente") angetan; ich bin da in zwei Clubs, besuche viele Treffen und organisiere das Deutschland-Treffen mit.

Der Crago-Verlag ist keine Eintagsfliege, sondern existiert bereits seit über elf Jahren. Wie hat damals alles angefangen? Wer oder was motivierte Dich, den Crago-Verlag zu gründen? Woher stammt der Name „Crago" überhaupt?

Seit 1983 erscheint der „Herold", ein Kulturmagazin, entstanden aus einem Ego-Zine. 1994 starteten meine Frau und ich eine Regionalausgabe für das Taubertal, pro Quartal 2000 Exemplare, finanziert durch Werbung. Um eine saubere Abwicklung zu gewährleisten und eine klare Trennung zum bereits bestehenden Betrieb zu ziehen, drängte der Steuerberater zur Verlagsgründung. Man kann fast sagen, dass der Verlag zwangsweise entstand, beabsichtigt war es eigentlich nie.
Dann brauchte das Kind noch einen Namen: Kurz, einprägsam, ungewöhnlich, und regional sollte er sein; also entschieden wir uns für den Namen des Gründers unseres damaligen Wohnorts Creglingen und benannten den Verlag nach dem Keltenfürsten Crago.

Dich verbindet eine langjährige Freundschaft mit Johann Heinrich Heikamp. Ihr teilt Euch erfolgreich die Verlagsarbeit - wie funktioniert das über viele hunderte von Kilometern hinweg?

Wir sind seit nunmehr 23 Jahren befreundet, arbeiten seit 19 Jahren zusammen, da kennt man einander, weiß, wie der andere denkt und entscheiden würde. In Bezug auf den Verlag treffen wir uns zum Jahreswechsel und sprechen das Programm ab. Henry schildert seine Projekte, die ich ihm mit der Finanzplanung zusammenstreiche, und dann macht sich jeder an seinen Teil der Arbeit. Tatsächlich sind später nur noch kurze telefonische Absprachen nötig, da wir beide voneinander wissen, dass wir uns auf den jeweils anderen verlassen können.
Henry kümmert sich um den „Herold", seine „Edition Heikamp", die „Windkönig"-Reihe und seine Bücher, das restliche Programm, die Organisation und die Präsentation liegen bei mir.

Das zehnjährige Jubiläum wurde gebührend im Taubertal gefeiert, mit den Crago-Kultur-Tagen. Auf Grund der positiven Resonanz findet dieses Ereignis nun jährlich statt. Gibst Du uns eine kurze Nachlese zu den Crago-Kultur-Tagen 2005? Auf welchen weiteren Events kann man Dich, Henry Heikamp, Eure Autoren und Zeichner persönlich treffen?

Die Kultur-Tage werden maßgeblich von meiner Frau mit organisiert. Da Inge im Oktober krankheitsbedingt längere Zeit ausfiel, mussten wir die Veranstaltung kurzfristig absagen. Die Kultur-Tage werden im April nächsten Jahres nachgeholt und werden dann jeweils im Frühjahr stattfinden.
Ansonsten wird man uns 2006 höchst-wahrscheinlich mit einem Stand auf dem Colonia-Con (3. - 4. Juni) finden, eventuell beim Franken-Con in Nürnberg, sicher beim Kunstmarkt Weikersheim (Juli), Stadtfest Weikersheim (August), Nationales Enten-Treffen in Kirkel/Saarland (August), bei den hiesigen Bücherei-Tagen im Oktober im Main-Tauber-Kreis; als mehr oder minder große Mannschaft sind wir auf dem Comic-Salon Erlangen, der Buchmesse und diversen Lese-Terminen hier im nördlichen Baden-Württemberg und im Rheinland anzutreffen. Eine Auflistung wird im Januar erstellt.

Betrachtet man das bunte Angebot fest, dass die Phantastik einen Schwerpunkt ausmacht. Allerdings handelt es sich bei den Kurzgeschichten, erscheinen sie nun in der Edition Heikamp oder im Herold, keineswegs um Mainstream. Auch die Werke des Germania Comic-Teams, die Sachbücher und -hefte befassen sich mit experimentellen oder lokalen Themen, die von anderen Verlagen weitgehend ignoriert werden. Nach welchen Kriterien wählst Du Deine Autoren und ihre Werke aus?

Der Verlag bekam damals von mir ein Startkapital von 500 D-Mark. Dieser Sockel hat sich vervielfacht, obwohl seither nichts zugeschossen wurde und alle anfallenden Kosten auch korrekt vom Verlag getragen werden. Das geht nur, weil wir Nischen suchen, in denen wir uns relativ gute Chancen ausrechnen können, verbunden mit Autoren, die sich einsetzen, in ihren Regionen Lesungen durchführen, auch mal ein Interview geben. Die Themen müssen für eine kleine, aber besondere Zielgruppe ansprechend sein.
Ein Beispiel: Unser Buch „Bierballade" geht im Frühjahr in die dritte Auflage, wird zudem auch als einfachere Heftausgabe erscheinen. Wir sind damit nur in einer Buchhandlung vertreten, aber in über 50 Getränkemärkten. Bei Bierbörsen und sogar auf Weinfesten verkauft es sich hervorragend, man muss eben den Kunden am richtigen Ort abholen.

Vom „Herold" erscheint in Kürze Nr. 50. Sicher kann man diese regelmäßige Publikation als das Aushängeschild des Crago-Verlags betrachten, denn das Heft fasst am besten zusammen, wofür Du eintrittst: die Förderung talentierter Künstler, das Beleuchten von Themen, die nicht dem Mainstream angehören, Hinweise auf kulturelle Veranstaltungen, interessante Bücher und vieles mehr, was in unserer schnelllebigen Zeit leider viel zu oft untergeht. Wie beurteilst Du nach über zehn Jahren Dein Schaffen? Bist Du zufrieden mit dem, was Du und Deine Mitarbeiter erreichen konntet?

Aushängeschild ist für den „Herold" vielleicht zu hoch gegriffen. Er ist sicher eine Spielwiese für die Autoren und ein erster Eintritt in den Verlag. Und sicher konnten wir gerade mit der Regionalausgabe und dem Comic-Herold vieles erreichen und auch Grundlagen schaffen. Immerhin wurde „Der Herold" auch an diversen Schulen zu Unterrichtszwecken verwendet, was sogar bis zu einem 4. Platz beim Bundeswettbewerb „Deutsche Geschichte" geführt hat... Von daher bin ich damit schon zufrieden. Aber natürlich gibt es immer noch Verbesserungsmöglichkeiten. Ein immerwährendes Ärgernis ist leider die Tatsache, dass uns die Hinweise auf Veranstaltungen oftmals viel zu spät zugesandt werden, um sie angemessen ankündigen zu können.

Das Angebot an recht unterschiedlichen Titeln hat der Crago-Verlag langsam, aber systematisch erweitert. Verrätst Du uns etwas über Deine Zukunftspläne?

Ich gehe den Verlag nicht so sehr verlegerisch, sondern in erster Linie kaufmännisch an, was viele Kollegen meiner Größenordnung leider außer acht lassen und ihren Verlag mit ihrem Gehalt am Leben erhalten. Daher hat für mich der Ausbau des Vertriebsweges oberste Priorität. Um mit den oben erwähnten Getränkemärkten ins Geschäft zu kommen, brauchte ich annähernd ein Jahr. Das ist noch ausbaufähig, aber zeitintensiv.
Programmatisch wird es zwei neue erfolgsversprechende Bereiche geben: Für die 2CV-Szene kommt im Mai ein Comic über das Welt-Enten-Treffen 2005 in Schottland und wird eine Enten-Reihe eröffnen.
In eine ganz andere Richtung geht die „Edition Federlese", eine Gedicht-Reihe, an der ausgewählte, lokale Autoren mitwirken. Die Bände werden handgebunden und auf handgeschöpftem Papier erscheinen. Gerade in diesem handwerklichen Bereich ist in 2006 einiges zu erwarten, wir stecken da noch in Verhandlungen.
Der Schwerpunkt 2006 wird vor allem im lokalen Bereich liegen: Museumsführer, Touristische Schriften, Kalender und ähnliches. Hier müssen wir unsere Präsenz unbedingt ausbauen.

Vor einer geraumen Weile haben auch die „großen" Verlage die deutschen Autoren entdeckt. Allerdings stößt man immer wieder nur auf dieselben paar Namen, die Bücher und Themen entsprechen dem, was die Leser momentan haben wollen bzw. was jene Verlage glauben, dass es die Leser kaufen werden: Hausfrauen-Fantasy, religiös-esoterische Historicals, Action-Mystery, Horror-SF, Populärwissenschaft. Wie siehst Du diese Entwicklung? Werden die Leser nicht irgendwann durch all die ähnlichen Bücher übersättigt sein, so dass die Verlage auch einmal intelligenteren Romanen und neuen Themen eine Chance geben?